Halloween im Caledon
Es war gerade auf den Tag genau ein halbes Jahr her, als
Yashira aus ihrer Kapsel schlüpfte und das Licht des Caledon-Waldes erblickte.
Zur Ehre ihres „Halbjahres-Geburtstag“ bekam sie ihren ersten, eigenen Gleitschirm.
Mutig erstieg sie einen Besonders hohen Ast des blassen Baums und stürzte sich
in die Tiefe. Sie glitt dahin wie ein Vogel, bis eine Windböe sie ergriff.
Ehe sie sich versah lag sie auf weichem, moosigen Boden irgendwo im Caledon.
Sie wusste nicht wo sie war und trottete ziellos, noch halb benommen, in eine
Richtung.
Da stand sie plötzlich vor einer Tür. Mitten im Dschungel. Verrückt!
Die Sonne versank hinter den Bäumen und die Schatten wurden länger. Wie blanker
Hohn stand diese uralte, mit verworrenen Symbolen überzogene Tür vor ihr.
Vielleicht war dies auch nur ein überwuchertes Haus sie hatte vielleicht einfach
nur unbegründete Furcht.
Mit dem letzten bisschen Mut drückte sie die Klinke herunter. Unheilvolles Gelächter
drang an ihr Ohr, doch es war schon zu spät. Sie war hindurch und die Türe ward
verschwunden.
Sie sah Hecken, Bäume, einen Garten der nur sehr matt
grünlich wirkte und sich nur wenig von der grauen, düsteren Welt abhob. Ein
Mond stand am Himmel, der nur bösartig zu lächeln schien, und keinen Beitrag
leistete die Welt in Farben zu tauchen. Die Hecken schienen einen Gang zu
bilden.
Einen Rückweg gab es nicht mehr und so folgte sie behutsam den
Weg, welchen die Hecken vorgaben. Kein Laut drang an ihr Ohr und doch roch es süßlich.
Hinter ihr vernahm sie metallene Geräusche: SCHNIPP-SCHNAPP.
Zittrig drehte sie sich um und erschrak! Eine dürre Gestalt,
in Lumpen gehüllt und einem Kürbis als Kopf! Bedrohlich leuchtete er von innen und
betonte die Fratze, die man als sein Gesicht ausmachen konnte. In den Händen
hielt die wandelnde Vogelscheuche eine große Heckenschere.
SCHNIPP!
Die junge Sylvari begann zu rennen. Der Pflanzensaft in
ihren Adern pochte. SCHNIPP!
Sie rannte schneller und wimmerte.
Eine Abzweigung. Doch wo
lang? Kurzerhand rannte sie in die Richtung aus der es am süßlichsten roch.
Dann kam die nächste Abzweigung.
SCHNIPP! Erklang es wieder.
Sie rannte un rannte und wagte es nicht über die Schulter zu sehen.
Gerade als sie dachte, sie wäre entkommen knackte es neben ihr.
Mit einem Mal brach die Gestalt durch die Hecke. Die Schere hoch erhoben.
In tiefer unheilvoller Stimme sprach die Gestalt:
„Hast du Angst vor mir?“
Yashira kauerte sich zusammen und mit Blick auf die bedrohliche
Heckenschere meinte sie mit zittriger Stimme:
„Ja!“
Die Gestalt begann zu lachen. Tief, höhnisch und zugleich triumphierend.
Der Kürbiskopfs flackerte schauderhaft vergnügt.
Erneut erhob die Vogelscheuchen-Gestalt die Schere.
Yashira kauerte sich in einer Ecke noch mehr zusammen und schluchzte.
Doch dann senkte die Gestalt dies Schere. Irgendwie war es
der Sylvari, als ob die Gestalt zufrieden wäre. Auch das Flackern vermittelte nun ein Gefühl von Zufriedenheit.
Die Vogelscheuche begann zu erzählen, dass sie sich darüber
freute, dass jemand Angst vor ihm hatte und er endlich nach Jahrhunderten die
Möglichkeit hatte jemanden durch „sein“ Labyrinth zu jagen. Er beklagte sich
darüber, dass er schon zu Lebzeiten im Schatten seines Bruders stand. Sein
Bruder wurde unter Thorn Vorarbeiter und durfte am großen Labyainth des Königs
bauen, wahrend er nur der Gärtner des Königs war. Später bekam sein Bruder die
Ehre mit einer Kettensäge als "Labyrinth-Schreck" unbedarfte Eindringlinge an Halloween durch das „große“
Labyrinth zu jagen. Und er? Ihm blieb nur sein eigenes Heckenlabyrinth und
seine Schere. Er mochte nun Mal Pflanzen mehr als Stein.
Hecken waren viel schöner um Leute zu erschrecken! Doch niemand hatte ihm geglaubt.
Yashira bedauerte nun den Vogelscheuchen-Mann und versprach nächstes
Jahr wiederzukommen und andere Sylvari mitzubringen um sich zu gruseln.
Und so kam es, dass fortan auch im Caledon zu Halloween eine
Türe erschien um jungen Sylvari das Fürchten zu lehren.